20.10.2020

Was ist die systemische Familientherapie?

Text: Verena Radlinger

Systemische Familientherapeuten arbeiten, abhängig vom Therapieziel, mit einzelnen Personen, mit Paaren oder mit der ganzen Familie. Psychotherapeutin Mag. Bettina Russold spricht mit YOLO über die systemische Familientherapie als Methode in der Arbeit mit Paaren.

Was versteht man grundsätzlich unter Systemischer Familientherapie?

Mag. Bettina Russold: Die Systemische Familientherapie ist eine von mehreren gesetzlich anerkannten Psychotherapiemethoden in Österreich. Das Wort „Familientherapie“ stammt aus den 60er-Jahren in denen diese Art der Therapie entwickelt wurde, wo ausschließlich mit Familien und/oder einem Teil der Familie gearbeitet wurde. Mit Beginn der 80er-Jahre kam mit der „kybernetischen Wende“ der Einflussfaktor Konstruktivismus hinzu und der Begriff „Systemische Therapie“ bürgerte sich ein.

Was sind die Kernpunkte dieser Therapieform?

Die systemische Therapie ist von ihrem Verständnis her eine lösungsorientierte Therapie. Sie rückt die persönlichen Stärken der Partner in den Mittelpunkt, bezieht biologische, individuelle, familiäre und soziale Aspekte und deren Wechselwirkungen in die Behandlung mit ein und nutzt sie für die Lösung von Problemen.

Wie sieht der Ablauf einer systemischen Paartherapie aus?

Der idealtypische Ablauf wird in drei verschiedene Phasen unterteilt. In der ersten Phase ist das Ziel eine vertrauensvolle Beziehung zwischen dem Psychotherapeuten und dem Paar aufzubauen. Dies bezeichnet man als „Joining“. Eine Haltung von Empathie, Respekt, Wertschätzung und Allparteilichkeit sind zentrale Elemente, die dazu beitragen sollen. Systemische Paartherapeuten erkunden die Lebenssituation des Paares, jene Dinge, die beide als stärkend für die Partnerschaft erleben, sie fragen nach dem Anliegen, das das Paar in die Praxis führt, und was mithilfe der Paartherapie verbessert werden soll, also das gemeinsame Therapieziel.

Welche Fragen sind das?

Es werden verschiedenste systemische Fragetechniken angewendet, um erste Nachdenkprozesse rund um die Entstehung und Aufrechterhaltung der partnerschaftlichen Schwierigkeiten anzuregen. Es sollen erste kleine Unterschiede wahrnehmbar gemacht werden, der Blick auf gelungene Lösungsversuche gelenkt und die Möglichkeit der eigenen Einflussnahme verdeutlicht werden. Dazu werden Fragen gestellt wie zum Beispiel, wann die Schwierigkeiten begonnen haben und wie sie sich im Alltag zeigen. Außerdem was die Probleme verstärkt oder verringert und was dadurch nicht oder nur schwer möglich ist. Von zentraler Bedeutung sind jedoch die Fragen nach den Situationen, in denen es besser ist und wie das den Partnern gelingt!

Wie geht es nun weiter?

War die erste Phase erfolgreich, wird an den gemeinsam vereinbarten Therapiezielen mithilfe unterschiedlichster Methoden gearbeitet. Die Partner sollen wieder vermehrt Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten gewinnen und es soll gemeinsam erarbeitet werden, wie sich die Beteiligten in herausfordernden Situationen anders verhalten können.

Wie kann man sich die Methoden in der systemischen Paartherapie vorstellen?

Methoden sind beispielsweise das Systembrett. Dieses unterstützt spielerisch bei der Entwicklung von tragfähigen Lösungen. Die Aufstellung auf dem Systembrett ermöglicht es dem Paar, ihre Wahrnehmung belastender Situationen sichtbar zu machen. Darüber hinaus können auch gewünschte Veränderungen dargestellt und anschließend konkretisiert werden. Aber auch andere Methoden wie beispielsweise Flipchart oder Zeitlinienarbeit dienen einem besseren Verständnis von Zusammenhängen und sollen den Handlungsspielraum erweitern. Ob und welche Impulse als hilfreich erlebt werden, wird letztlich vom Paar selbst bestimmt.

Wann ist die Therapie abgeschlossen?

Beim Abschluss der Therapie geht es um die Festigung der erzielten Veränderungen. Im Idealfall führen die Interventionen nach einer vereinbarten Anzahl an Sitzungen schließlich zu den zu Beginn formulierten positiven Veränderungen, die sich dem Paar im Alltag des Miteinanders und anderer Lebensbereiche zeigen. Im besten Fall lernen Partner, dass unterschiedliche Sichtweisen vorhanden sein dürfen, und verfügen am Ende einer Therapie über einen Werkzeugkoffer, der sie in krisenhaften Situationen auf neue Strategien zurückgreifen lässt.

Noch immer Angst vor der Couch? Vielleicht verhilft Ihnen unser Artikel „Paartherapie: Angst vor der Couch?“ zu mehr Mut. 

Kontakt:

Mag. Bettina Russold

Psychotherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche (SF), 
Zertifizierte Supervisorin, Systemische Traumatherapeutin, EMDR

+43 699 17344493
www.psychotherapie-russold.at
praxis@psychotherapie-russold.at


 

Literatur-Tipps:

  • Grossmann, K. P. (2012): Langsame Paartherapie. Carl-Auer Verlag GmbH
  • Hudson, P., O’Hanlon, B (2008): Liebesgeschichten neu erzählen; Lösungsorientierte Paartherapie. Carl-Auer Verlag GmbH
  • Clement, U. (2018): Dynamik des Begehrens – Systemische Sexualtherapie in der Praxis. Carl-Auer Verlag GmbH

 


 

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