Junges Pärchen arbeitet im Homeoffice.
09.06.2021

Gesundes Arbeiten im Homeoffice

Text: YOLO Online-Redaktion

Auf der Suche nach wirksamen Tipps für mehr Gesundheit, mentale Ausgeglichenheit, Leistungsfähigkeit und digitale Achtsamkeit im Homeoffice hat unsere YOLO-Journalistin für Sie mit Mentalcoach und Autorin Martina Reiterer über ihr neues Buch gesprochen...

Frau Reiterer, Sie haben einen sehr interessanten Werdegang...

Martina Reiterer: Ich war 25 Jahre im Sozialbereich tätig und habe mich um die Integration von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt beschäftigt. Es war ein sehr spannendes Aufgabengebiet, aber ich habe durch eben dieses Aufgabengebiet auch gespürt, dass ich noch viel mehr an die Menschen heran möchte und dass mir Einzelcoachings besonders gut gefallen würden.

Und so habe ich berufsbegleitend eine Ausbildung an der damals besten Ausbildungsstätte für Mentalcoaching in Bregenz begonnen. Ich habe alle meine Urlaube dafür verwendet, um dorthin zu fahren und diese Ausbildung zu absolvieren.

Danach habe ich es eine Zeit lang nebenberuflich gemacht – einfach um zu testen, ob ich davon leben möchte und ob das wirklich mein neues Arbeitsgebiet werden soll. Und in dieser Zeit habe ich dann auch noch einige weitere Ausbildungen absolviert, die mein Programm sehr gut abgerundet haben. 2016 war es dann soweit, dass ich gesagt habe: Jetzt trete ich aus dem Bundesdienst aus und mache mich mit Mentalcoaching komplett selbstständig. 

Mentalcoachings und Kinesiologie sind seit einigen Jahren sehr populär...

Martina Reiterer: 2001 habe ich mit meiner Ausbildung begonnen, das heißt, ich beschäftige mich mit Mentalcoaching seit mittlerweile zwanzig Jahren. Ich habe jetzt vor allem durch die Pandemie gemerkt, dass sehr viel Bedarf an Unterstützung und an Persönlichkeitsentwicklung besteht. Menschen brauchen momentan wirklich wahnsinnig viel Unterstützung, um bei sich zu bleiben und wieder ins Positive zu kommen. Gerade jetzt ist der Bedarf an mentalem Coaching also ganz massiv gestiegen. 

Sie haben gerade Ihr neues Buch veröffentlicht. Was war der Anlass, einen Ratgeber zum Thema gesundes Arbeiten im Homeoffice zu schreiben?

Martina Reiterer: Ich beschäftige mich schon sehr lange mit dem Thema Bildschirmarbeit und ihren gesundheitlichen Auswirkungen, seit ich diese bei mir selbst festgestellt habe. Eines Tages bin ich in der Mittagspause in einem Schanigarten gesessen und habe voller Entsetzen festgestellt, dass ich das Namensschild auf der Straßenseite gegenüber nicht mehr lesen kann. Und ich habe davor immer gesagt, ich hätte Adleraugen und war auch ganz stolz darauf, dass ich so gut sehen konnte.

Und das war für mich so ein richtiger Knackpunkt, wo ich zu mir selbst gesagt habe: Dass meine Sehkraft nachlässt, das hängt mit der täglichen stundenlangen Bildschirmarbeit zusammen und auch mit dem negativen Stress, dem ich ausgesetzt bin. Ich habe beschlossen, die mentale Belastung zu reduzieren und meine Augen zu stärken. Und so habe ich angefangen, mich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen und habe dann auch Augenübungen in meinen eigenen Alltag integriert. Ich habe diese Augenübungen dann auch noch teilweise an mein Coaching angepasst und habe ein Dreivierteljahr ganz fleißig an mir gearbeitet. Seitdem sehe ich wieder sehr gut und kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass sie wirken.

Als ich erstmals festgestellt habe, dass ich schlechter sehen kann, bin ich zum Augenarzt gegangen und da hatte ich 0,75 Dioptrien – was zwar noch nicht viel ist, aber trotzdem einen Unterschied macht. Jetzt habe ich wieder null Dioptrien. Und ich sitze an manchen Tagen wirklich 14 Stunden durchgehend vor dem Computer. Aber ich mache immer meine Augenübungen und schaue auch immer auf meinen Hals-Nacken-Schultern-Bereich, dass alle Muskeln entspannt sind. Und ich bin wirklich davon überzeugt, dass ich dadurch meine Sehkraft so gut stärken und immer aufs Neue regenerieren kann. 

So bin ich in das Thema überhaupt hineingekommen. Ich habe mich dann immer tiefer damit beschäftigt und habe einfach gesehen, dass es ein ganzheitlicher Ansatz ist. Es ist der übermäßige anhaltende Stress, die falsche einseitige Körperhaltung und die fehlende Achtsamkeit im Umgang mit dem eigenen Körper. Diese Achtsamkeit unserem Körper gegenüber ist enorm wichtig – einerseits auf ihn zu hören und zu achten: Was braucht er, was fehlt ihm gerade? Aber auch die digitale Achtsamkeit: Will ich von so vielen digitalen Medien gleichzeitig bespielt werden? Wie geht es mir und meiner Gesundheit damit? Was kann ich daran und an meinem eigenen Verhalten ändern. Es ist wichtig, dass sich jeder von uns mal intensiver damit beschäftigt. 

Vor der Pandemie haben schon die ersten Seminare dazu gestartet und dann ist der erste Lockdown gekommen. Das war für mich der Punkt, an dem ich gemerkt habe: Es ist gerade jetzt so wichtig, dass möglichst viele Menschen die Möglichkeit bekommen, sich darüber zu informieren und sich damit zu beschäftigen, um ihrer Gesundheit Willen. Da habe ich mich hingesetzt und habe das Buch geschrieben. Das war für mich eine echte Herzensangelegenheit, dass ich mein Wissen weitergeben kann. 

In Ihrem Buch gibt es sehr viele Übungen – sind sie das Ergebnis von Recherchearbeit oder wurden sie von Ihnen entwickelt?

Martina Reiterer: Es sind sehr viele Übungen, die man im Zuge der Ausbildung zum Mentalcoach und Kinesiologen lernt. Da sind sehr viele unterschiedliche Techniken dabei. Ich habe sie teilweise entsprechend angepasst, wie zum Beispiel das Augentraining. Das sind Basisübungen, die es schon seit 100 Jahren gibt. William Bates hat sie entwickelt und sie sind teilweise entweder in komplette Vergessenheit geraten oder als Scharlatanerie abgetan worden.

Ich habe eben diese Übungen wieder hergenommen und habe sie teilweise an die heutige Zeit angepasst beziehungsweise auch mit Kinesiologie kombiniert. Es ist zum Beispiel eine Übung drinnen – die Eule auf Seite 67– die eine klassische Übung ist, die aus der Kinesiologie kommt. Mit dieser Bewegung verbinde ich die linke und rechte Gehirnhälfte. Ich habe hier auch noch die Augenbewegung dazugenommen, das heißt, wenn man den Kopf nach links dreht, dann schaut man auch ganz zurück nach links, und wenn man dann auch noch die Schultern dabei richtig hält, dann macht man gleich etwas für den Hals-Nacken-Schultern-Bereich und mit dem Trapezmuskel. Ich habe also versucht, diese verschiedensten Übungen, die ich kenne, in die neuen Übungen zu integrieren, damit sie wirklich harmonisch und ganzheitlich wirksam sind. 

Mir ist dabei der ganzheitliche Ansatz sehr wichtig und auch dass die Übungen so einfach wie möglich sind. Die Übungen dauern oft nicht mehr als eine Minute. Ich bin davon überzeugt, dass je einfacher die Übungen sind, umso wahrscheinlicher ist es, dass man sie auch wirklich in seinen Alltag integriert. Wir sind ohnehin schon überfordert mit so vielen Dingen, die täglich erledigt werden müssen. Ich denke, wenn wir so schon nicht mehr wissen, was wir als Erstes angehen sollen, dann werden wir groß angelegte, komplizierte Übungen ganz sicher nicht auch noch machen. Je einfacher die Übung, die vielleicht nur 30 Sekunden dauert, umso eher macht man sie auch regelmäßig. In meinem Buch sind nur solche einfachen Übungen drinnen, die aber gleichzeitig einen großen Unterschied machen.

Vielleicht könnten wir auf die drei Hauptaspekte näher eingehen, die Sie schon in Ihrem Buchtitel erwähnen – Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Achtsamkeit?

Martina Reiterer: Bei dem Thema Gesundheit habe ich ganz stark meine eigene Erfahrung mit einfließen lassen, die ich im Zuge meiner Online-Seminare gesammelt habe. Wir sitzen stundenlang vor den Computerbildschirmen, machen keine oder nur ganz kurze Pausen, bewegen uns dabei kaum und arbeiten teilweise auch noch länger als wenn wir ganz normal im Büro wären. Dann kommt noch teilweise das wirklich anspruchsvolle Homeschooling dazu. Der Mann ist Zuhause, die Frau ist Zuhause, die Wohnsituation ist auch meistens nicht nach einem Homeoffice ausgerichtet.

Das alles in Kombination mit dem üblichen Arbeitsaufwand und dem Leistungsdruck knabbert sehr an unserer Gesundheit – auch an unserer psychischen Gesundheit. Und da ist es einfach wichtig, dass man sich da mal kurz hinsetzt und fragt: Was kann ich für mich tun, damit ich meine Gesundheit fördern kann?

Zuhause haben wir zum Beispiel nur sehr selten einen ergonomischen Arbeitsplatz. Am Anfang haben wir es vielleicht noch gar nicht so gespürt, dass die falsche Körperhaltung wirkliche Auswirkungen auf unseren Bewegungsapparat und unsere Wirbelsäule hat. Wenn wir da jetzt stundenlang und vielleicht sogar jahrelang im Homeoffice sitzen – mit dem falschen Arbeitsplatz, mit der falschen Ergonomie, das kann chronische Schäden in unserem Körper verursachen. Und man merkt jetzt, ich sehe es ganz deutlich in meinen Seminaren, dass immer mehr Menschen sagen: Also anfangs ist mir das nicht so aufgefallen, aber mir tut jetzt schon der ganze Körper weh. Die Wirbelsäule schmerzt und es fühlt sich an als hätte man einen Bandscheibenvorfall.

Zahnärzte berichten, dass das Zähneknirschen während der Pandemie enorm zugenommen hat. Auch dies ist in hohem Maße der Verspannung durch das Sitzen und die falsche Körperhaltung zu verdanken. Und wenn man im Hals-Nacken-Schulter-Bereich verspannt ist, hat das natürlich auch Auswirkungen auf den Kieferbereich. Im Körper hängt ja alles zusammen. Das Kiefer hängt oben an der Wirbelsäule, da ist es angesetzt und wenn der Nacken-Schulter-Bereich verspannt ist, kann das Kiefer sich nicht mehr geschmeidig bewegen. Man merkt es ja selbst, wenn man das Kiefer hin und her bewegt, stellt man oft fest, dass es manchmal ganz streng geht. Und das ist jetzt während des Homeoffice enorm gestiegen. Genauso wie jetzt das Burnout gestiegen ist. Durch die vielen Belastungen, aber auch durch die Selbstverantwortung, die wir jetzt daheim hatten. 

Wenn man zum Beispiel Sekretärin ist, die sehr abhängig vom Chef ist und immer konkrete Weisungen gewohnt ist, im Büro immer gleich rückfragen kann und jetzt auf einmal Zuhause und das komplett selbstständige Arbeiten nicht kennt, das ist dann eine riesige Umstellung. Es ist auch nicht jeder der Typ für Homeoffice. Manche brauchen einfach die übliche Office-Umgebung zum konzentrierten und effizienten Arbeiten. 

Und beim Thema Gesundheit, stehen die Augen und Augengesundheit natürlich ebenso im MIttelpunkt. Im letzten Jahr ist die Kurzsichtigkeit massiv gestiegen – da gibt es auch sogar schon Studien dazu. Auch die WHO hat inzwischen die Kurzsichtigkeit als weltweites Gesundheitsproblem ausgerufen. Die ist wirklich überall auf der Welt im Steigen begriffen. 

Es sind wohl all die Screens und digitalen Displays, die uns jeden Tag von Früh bis spät begleiten – auch in unserer Freizeit. Wir lassen kaum noch vom Handy ab und, um abzuschalten, dreht man dann abends die Glotze auf oder schaut sich am Laptop Sachen an... 

Martina Reiterer: Ja, das, was Sie gerade angesprochen haben, da geht es um die digitale Achtsamkeit. Wir werden nicht nur beruflich von den unterschiedliche digitalen Medien begleitet, sondern gehen dann in die Freizeit und – man braucht es nur zu beobachten, wenn man sich in einem Lokal oder sonst wo unter Menschen bewegt – ständig liegt das blinkende Smartphone daneben und man schaut und tippt und scrollt. Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene spielen vor sich hin, wir alle sitzen täglich stundenlang entweder vor dem PC oder vor dem Fernseher. Das sind ja alles digitale Medien.

Und da sollte man sich das schon mal überlegen, ob es einfach nur Gewohnheit ist und ob wir es wirklich brauchen und wollen? Oder aber, ob es vielleicht die anderen – der Chef, die Freunde – sind, die das von uns verlangen? Es gibt auch das FOMO (Anm. engl.: Fear Of Missing Out) – also die Angst davor, irgendetwas in den digitalen Medien zu verpassen. Das ist bei den Jugendlichen ganz ein großes Thema. Bei den Älteren vielleicht nicht ganz so stark. Diese Gruppe plagt eher die Sorge, nicht sofort erreichbar zu sein. 

Das hängt auch ganz stark mit unserem übermäßigen Konsum von sozialen Medien zusammen. Und hier ist nicht nur die jüngere Generation betroffen, sondern auch die ältere Generation der Baby Boomers, die sich ganz stark auf Facebook bewegt. Das ist ein sehr interessanter Aspekt, denn das ist ja die Generation, die nicht mit digitale Medine aufgewachsen ist, und schon gar nicht mit Social Media. Und da ist auch die Arbeitsweise eine ganz andere gewesen – und sogar da haben die sozialen Medien und die Verfügbarkeit des Smartphones einen so starken Einfluss. 

Was ist es, aus Ihrer Sicht, das uns an all diese digitalen Medien auch in unserer Freizeit so fesselt? Die Bilder, das Flimmern…?

Martina Reiterer: Was auf jeden Fall eine Rolle spielt ist die Tatsache, dass alle diese Plattformen ganz stark mit einem Belohnungssystem arbeiten. Es sind die Likes und die Anzahl der Freunde oder Follower, die so viele ködern. Wie viele Freunde auf Facebook man hat, das hat ja für ganz viele einen ganz großen Wert. Es stellt einen gewissen Status dar. Der Mensch hat ja ein sehr starkes natürliches Bedürfnis, geliebt und anerkannt zu werden. Und dieses Bedürfnis ist jetzt möglicherweise sogar noch stärker, wo wir alle so lange Zuhause waren und wo die realen sozialen Kontakte gefehlt haben – da kann Social Media natürlich super ansetzen und diese Lücke füllen.

Und wie steht es um unsere Leistungsfähigkeit im Kontext des Homeoffice?

Martina Reiterer: Die Leistungsfähigkeit verbinde ich in diesem Kontext mit mentaler Stärke und der Fähigkeit, Stress reduzieren zu können. Denn wenn wir viel Stress haben, leidet auch unsere Leistungsfähigkeit teils sogar massiv darunter. Es gibt eine groß angelegte Studie dazu, die sich damit beschäftigt, was bei uns den meisten digitalen Stress hervorruft. Dabei ist ganz klar die Omnipräsenz digitaler Medien rausgekommen. Ständig erreichbar sein zu müssen und auch die Erwartung der anderen, wenn jemand eine Frage gestellt hat, ein Mail oder eine andere Nachricht rausgeschickt hat, dass auch sofort eine Antwort darauf kommen muss. Das ist das, was uns am meisten überfordert und unter Druck setzt.

Eine Universität in Bonn hat eine Studie erhoben, wie oft wir circa am Tag zum Smartphone greifen und wie viele Emails wir durchschnittlich jeden Tag bekommen – und dabei ist rausgekommen, dass wir  im Durchschnitt 85 Mal zum Smartphone greifen und täglich durchschnittlich 75 Emails bekommen. Wir werden auch die ganze Zeit unterbrochen, sowohl in der Arbeitszeit als auch in unserer Freizeit. Man weiß, der Mensch braucht circa 15 Minuten, um wieder in den Flow-Zustand des Arbeitens zu kommen, um reibungslos und konzentriert arbeiten zu können. Und wie sollte man sich auf seine Aufgaben konzentrieren, wenn man ständig unterbrochen wird?

Am Abend, wenn wir zum Arbeiten aufhören, haben wir oft das Gefühl, de facto nichts gearbeitet, nichts geleistet zu haben, mit dem Arbeitspensum nicht weiter gekommen zu sein - was häufig auch wirklich der Fall ist. Wenn man sich das überlegt – ich brauche jedes Mal 15 Minuten, um wieder in meinen produktiven Arbeitsrhythmus zu kommen, was soll ich da bis am Abend Effizientes leisten. Wenn ich bei jeder einzelnen aufpoppenden Nachricht hineinschaue, wo komme ich da bis am Abend wirklich mit der Arbeit hin? 

Und trotzdem ist man aber am Ende des Tagen total erledigt... 

Martina Reiterer: Genau so ist es. Man ist noch dazu unglücklich, frustriert, noch mehr gestresst und unzufrieden mit dem, was man geleistet hat. Und dann kommt vielleicht noch der Druck vom Arbeitgebe: Du hast heute nicht die Leistung erbracht, oder: Wo ist das? Hast du es jetzt schon gemacht?

Die Tasks sind nicht erledigt, aber man war trotzdem den ganzen Tag am Telefonieren, Emails-Beantworten und Whatsapp-Nachrichten-Schreiben. 

Erst letzte Woche habe ich, ganz spannend, von einem Arbeitspsychologen gehört, dass dann oft, gerade bei Frauen, dieser Kreislauf losgeht, dass sie sagen, sie fühlen sich nicht gut genug. Sie beginnen in der Nacht, die ganzen Dinge, die sie untertags nicht geschafft haben, aufzuarbeiten und geben diese Arbeitszeit dann auch gar nicht als solche bekannt, weil sie schlechtes Gewissen haben, am Tag mit der Arbeit nicht wirklich weitergekommen zu sein. Sie schämen sich dafür, dass sie nicht rechtzeitig fertig geworden sind und ihr Leistungsspektrum nicht abgedeckt haben. Und das soll eben ein typisches Frauenphänomen sein. 

Oft setzt man sich noch in den späten Abend- und Nachtstunden hin und macht Sachen, um sich den Stress am darauffolgenden Tag zu ersparen und nachts überhaupt schlafen zu können. Wenn man sich nicht mit anderen Menschen darüber austauscht, glaubt man gar nicht, dass es vielen anderen vielleicht ähnlich geht oder dass bestimmte Verhaltensweisen sich mittlerweile zu einem gesellschaftlichen Phänomen entwickelt haben.

Sie sprechen in Ihrem Buch von Stress als Chance – wie ist das gemeint?

Martina Reiterer: Es gibt ja bekannterweise einen negativen und einen positiven Stress. Manche Menschen können unter Zeitdruck sehr produktiv arbeiten. Das ist ein gutes Beispiel für positiven Stress. Wichtig ist nur zu erkennen, wann Schluss ist. Menschen können lange Zeit mit Stress umgehen, es ist aber unglaublich wichtig, nach einer gewissen Stress-Phase auch mal loszulassen. Und diese Balance zu finden, wie viel Stress ist jetzt für mich gut, um konzentriert und schnell arbeiten zu können und wie viel ist einfach zu viel. Viele Menschen haben im Stresszustand viele kreative Ideen, auch das ist etwas unglaublich Positives. Wichtig ist, dass man dann aber den Punkt erkennt, an dem man loslassen muss, weil es sonst kippt und sich in negativen Stress umwandelt. 

Wir kennen das Phänomen aus dem Tierreich, wo der Gepard seiner Beute lange, sehr schnell und unglaublich konzentriert nachläuft. Wenn er sie dann aber gefangen hat, schüttelt er den ganzen Stress und die Muskelanspannung von sich ab und dann kommt eine längere Ruhephase. Und genau dieses Bedürfnis steckt auch in uns drinnen. Und das sollten wir uns auch immer wieder bewusst machen – dass wir Stress ruhig nutzen können, eine Zeit lang aushalten dürfen, dann aber – und da wären wir wieder bei der Achtsamkeit – den kritischen Punkt erkennen und unsere Fähigkeiten nutzen, loszulassen. 

Stress ist ja schon seit längerer Zeit ein omnipräsentes Modewort. Ich muss Stress haben, weil sonst leiste ich nichts. Es ist aber auch wichtig, im Stress als solchem das Positive zu sehen, weil er durchaus positive Qualitäten hat. Die Kunst hier ist, Stress kurzfristig als Asset zu nutzen und danach den Moment zu erkennen, wenn es zu viel wird und Fähigkeit und Techniken, ihn wieder abzuschalten und sich davon zu erholen. Und für diese Regeneration muss man sich eben auch bewusst Zeit nehmen. 

Warum ist es so relevant, sich die täglichen Online-Zeiten bewusst zu machen?

Martina Reiterer: Grundsätzlich unterschätzen die meisten von uns ihre Online-Zeiten. Wenn wir jemanden fragen würden, wie lange er oder sie täglich online ist, werden die meisten weniger Stunden angeben als es der Wahrheit entspricht. Diese Online-Zeiten haben einfach gravierende Auswirkungen auf unsere physische und mentale Gesundheit und auf unsere Leistungsfähigkeit. Es dreht sich im Kreis. Und wenn ich mir überlegt habe oder eine spezielle Digital-Mindfulness-App heruntergeladen habe, die das für mich misst, dann werde ich wahrscheinlich auch überrascht sein, wie viel Zeit es dann auch tatsächlich ist. Das ist uns einfach, ohne dass wir es vorsätzlich näher betrachten, nicht bewusst. 

Und dann kann man schauen, habe ich mir zwischendurch überhaupt eine kurze oder auch längere Pause gegönnt, gehe ich nahtlos vom Berufsleben ins Privatleben online über. Oder wie lange am Abend bleibe ich eigentlich noch online? Habe ich ein reales Leben auch noch oder spielt sich bei mir alles nur noch online ab? Wann checke ich die letzten Mails?

Das wissen wir ja mittlerweile auch, dass wir eigentlich eine bis zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr online sein sollten, um nachts abschalten, ruhig schlafen und uns so auch wirklich erholen zu können. Das halten aber – so meine Vermutung – nur die wenigsten von uns ein. Das alles hat etwas mit unserer Gesundheit zu tun.

Filme, Nachrichten und alle anderen Reize beschäftigen uns nicht nur am Tag, sondern auch in der Nacht, im Unterbewusstsein weiter –positive wie negative Dinge. Und die Schlafqualität ist für das Regenerieren und für unsere physische und mentale Gesundheit essenziell.

Das blaue Licht, das von Bildschirmen ausgeht, lässt uns nicht einschlafen, weil unser Körper glaubt, dass es jetzt hell wird und schüttet Serotonin aus während wir eigentlich das Schlafhormon bräuchten. So wird der ganze Biorhythmus Tag für Tag komplett durcheinander gebracht. Und gerade, wenn man einen anstrengende Tag und sehr viel zu tun hat, braucht man einen tiefen ruhigen Erholungsschlaf. Und auch unsere Augen brauchen ein dunkles Zimmer damit der Sehfarbstoff sich regenerieren und erneuern kann. 

Was genau hat es mit dem Office-Eye-Syndrom auf sich?

Martina Reiterer: Mit dem sogenannten Office-Eye-Syndrom fassen wir ein paar typische Symptome zusammen: trockene, gerötete, beißende Augen, die aufgrund von Bildschirmarbeit auftreten. Diese Symptome kennen sehr viele von uns. Sie entstehen durch das ununterbrochene Schauen auf ein Display – je kleiner umso schlimmer – ohne die Augen zu bewegen. Auf einem kleinen überschaubaren Bildschirm erfassen wir alles und so müssen wir unsere Augen kaum bewegen. Bei größeren Displays sind lediglich ein paar Bewegungen nötig, um das ganze Bild zu erfassen, weil es so eingegrenzt ist.

Der Blick wird starr und was auch noch dazu kommt – im Normalfall macht der Mensch 22 Lidschläge pro Minute – wenn wir aber auf den Bildschirm starren, sind es nur fünf bis sieben Lidschläge. Wir blinzeln also auch wesentlich weniger. Das Blinzeln ist aber dazu da, unsere Augen zu befeuchten. Und da haben wir nun eine Doppelwirkung, die diese typischen Symptome verursacht: die Augen bewegen sich weniger und werden noch dazu nicht befeuchtet.

Jedes unserer zwei Augen hat sechs Augenmuskeln. Und wie jeder Muskel in unserem Körper, müssen auch sie regelmäßig bewegt und trainiert werden. Werden sie nicht trainiert hat es auch hier Auswirkungen. Man kann sich diese Dinge selbst logisch erklären, auch ohne großartiges Experten-Wissen. Wir beschäftigen uns aber erst dann mit unseren Augen, wenn wir merken, dass unsere Sehkraft nachlässt oder die Augen auch wirklich weh tun. Dabei sollten wir aber schon wesentlich früher auf unsere Augengesundheit achten. Wir nehmen immerhin 80 Prozent aller Informationen über die Augen auf. 

Wenn wir im Urlaub sind, haben wir oft das Gefühl, dass wir auf einmal besser und schärfer sehen und die Farben wesentlich deutlicher und klarer erkennen können. Das ist ganz typisch, weil einerseits der Stress nachlässt und wir andererseits sehr viel an der frischen Luft. Unsere Augen brauchen unbedingt Sauerstoff, um gesund zu sein. Und sie lieben die Farben Grün und Blau. Im Urlaub sind wir dann doch vorwiegend in der Natur und so bekommen unsere Augen all das, was sie ganz dringend benötigen. Und draußen schauen wir natürlich auch dreidimensional, was wir am PC nicht tun. 

Die Digitale Lähmung, von der Sie auch in Ihrem Buch schreiben, betrifft vor allem den Hals-Nacken-Schultern-Bereich…

Martina Reiterer: So ist es – durch die einseitige falsche Körperhaltung, die man bei der Bildschirmarbeit einnimmt, wird dieser Bereich besonders verkrampft und verspannt. Und natürlich auch das stundenlange Sitzen ohne Bewegung ist Teil des Problems. Man sagt heute: Sitzen ist das neue Rauchen. Unser Körper ist dazu ausgelegt, sich regelmäßig intensiv zu bewegen. Durch den sitzenden Arbeitsstil wird er genau ins Gegenteil gedrängt: Sitzen und Starren.

Es ist ja auch eine Wahnsinns-Position, die wir zum Beispiel beim Herunterschauen auf das Smartphone einnehmen. Unser Kopf wiegt circa fünf Kilo und je nachdem, wie wir ihn neigen, umso schwerer wirkt er auf die Wirbelsäule. Und so kann er mit einem Gewicht von bis zu 30 Kilo auf die obere Wirbelsäule wirken, was eine Riesen-Belastung ist. Das ist der Smartphone-Nacken von dem jetzt viele Orthopäden sprechen. Die Wirbelsäule ist ja an sich sehr beweglich und versucht immer die Lasten auszugleichen. Unsere Körperhaltung hat Auswirkungen auf unser ganzes Skelett, auf die Bandscheiben, auf die Knie und auf alle anderen Knochen und Gelenke, vom Kiefer bis zum Fuss. 

Diese typischen Beschwerden betreffen nicht nur uns Erwachsene, sondern zunehmend auch unsere Kinder...

Martina Reiterer: Das Homeschooling stellt hier ein großes Problem dar. Die Sehkraft unserer Kinder entwickelt sich circa bis zum 12, 13 Lebensjahr. Und in dieser Zeit sind ihre Augen ganz besonders empfindlich. Sie brauchen viele Erlebnisse und visuelle Reize, um richtig sehen zu lernen. Kinder sollten auch mindestens zwei Stunden täglich draußen an der frischen Luft, in der Natur sein, damit sich ihre Augen gut entwickeln können. Und jetzt rennt es halt komplett in die andere Richtung. Da kommt eine ganz große Welle mit Kurzsichtigkeit auf uns zu. In Südkorea sind heute 90 Prozent der Kinder kurzsichtig, weil dort schon vor einiger Zeit das gesamte Schulsystem auf digitales Lernen umgestellt wurde, um Papier zu vermeiden. Die Kinder werden also von Kleinkind im Kindergarten an zu 100 Prozent nur vor Bildschirmen unterrichtet. Das ist kompletter Wahnsinn, wenn man es sich vorstellt...  

Im Rahmen des achtsamen Umgangs mit digitalen Medien sollten wir uns vielleicht die Frage stellen: Lohnt es sich, soviel Zeit, die – gleich nach Gesundheit, unsere wertvollste Ressource ist, vor Bildschirmen zu verbringen?

Martina Reiterer: Um wertvoll leben zu können, muss man die Fähigkeit besitzen, die Gegenwart bewusst nutzen und wahrnehmen zu können. So viele Menschen leben in der Vergangenheit, andere schieben wiederum Dinge für die Zukunft auf. Aber wir können in Wirklichkeit nur hier und jetzt leben, das ist das Gut, das wir in diesem Augenblick besitzen. Und ich kann jetzt meine Zukunft schmieden. Das, was im nächsten Moment passiert, passiert, weil ich es im Jetzt dorthin gesteuert habe.
 
Und ich kann jetzt auf meine Gesundheit schauen, ich kann jetzt konzentriert arbeiten, ich kann jetzt planen. Aber ich kann immer nur in diesem Moment sein. Und ein Moment ist so schnell vorbei. Ich finde daher, dass es wirklich wichtig ist, sich zu überlegen: Was will ich eigentlich in meinem Leben und was tut mir gut? Wie kann ich mein Leben anreichern damit ich es auch wirklich erfüllt leben kann. Wir lassen die Zeit oft so schnell und so sinnlos vorbeirennen, weil wir getrieben sind und manchmal auch von anderen gesteuert. Aber im Grunde genommen ist das unser Leben und unsere Zeit. Und für uns Menschen ist es ganz schlimm, wenn wir irgendwann zurückblicken und merken, was wir alles versäumt haben. Vielleicht sollten wir nicht so leichtfertig diese, so wertvolle Zeit online verplempern...  

Welche drei Tipps für mehr Gesundheit im Homeoffice würden Sie uns besonders ans Herz legen?

Martina Reiterer: Die drei wichtigsten: Immer wieder Pausen einlegen und in der Pause weg vom Bildschirm – einfach aufstehen und ein bisschen Bewegung machen, auch wenn es nur fünf Minuten sind. Das zweite sind die Augenübungen: immer wieder die Augen in alle Richtungen bewegen – links, rechts, quer, diagonal, kreisen. Und das Dritte wäre: ganz viel Wasser trinken – auch im Homeoffice, nicht aufs Wasser-Trinken vergessen!  

Herzlichen Dank für das tolle Gespräch!

Das Interview fand am 2. Juni 2021 im Wiener Stadtpark statt.

Hier verraten wir Ihnen 8 wirksame Tipps für gelungenes Homeoffice. Noch mehr zum Thema gesundes Arbeiten im Homeoffice und digitale Achtsamkeit finden Sie auch in unserer aktuellen YOLO Printausgabe – bestellen Sie jetzt Ihr persönliches YOLO-Exemplar! 

Wir wissen, dass wir idealerweise zwei Stunden vor dem Schlafengehen nicht mehr online sein sollten, um nachts ruhig schlafen und uns auch wirklich erholen zu können. Das halten aber – so meine Vermutung – nur die wenigsten von uns ein.
Martina Reiterer, MBA
Akademischer Mentalcoach und Kinesiologin

Experten-Info:

Martina Reiterer, MBA ist selbstständiger akademischer Mentalcoach und Kinesiologin. Sie bietet Gesundheits- und Business-Coachings, personenorientiertes Einzelcoaching, Online-Workshops, Vorträge und Seminare zur Gesundheitsförderung und zur Erhaltung psychischer und mentaler Fitness an. 

Ihr neues Buch Gesundes Arbeiten im Homeoffice. Tipps und Tricks für mehr Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Achtsamkeit im Homeoffice ist als Taschenbuch im Mai 2021 erschienen und ist im Shop auf Ihrer Website erhältlich! In Kürze wird auch ein Arbeitsbuch dazu veröffentlicht. Wir halten Sie am Laufenden!

martina-reiterer.com


 

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