Viele Zitronenscheiben aufeinander
07.10.2020

Übersäuerung:
Was tun wenn der Körper sauer ist?

Text: Verena Radlinger

Mittlerweile ist der Begriff „Übersäuerung“ weit verbreitet. Unsere moderne Lebensführung bringt oftmals den Säure-Basen-Haushalt unseres Körpers aus dem Gleichgewicht. – Aber wann ist der Körper übersäuert?

Hunderte Ratgeber und damit mindestens ebenso viele Meinungen kursieren bereits über das Thema der „Übersäuerung“. Es ist ein umstrittener Begriff der zuerst differenziert werden muss: In der Schulmedizin bedeutet der Begriff eine akute Übersäuerung des Blutes, eine Azidose, die sehr gefährlich sein kann. Ernährungswissenschafter und die Naturheilkunde verwenden diesen Begriff aber als Bezeichnung für eine chronische Beeinträchtigung des Körpers, auf die wir uns in diesem Beitrag konzentrieren werden.

Säuren entstehen einerseits im Körper, gelangen aber großteils mit unserer Nahrung in den Körper. Um die gesunde Balance zu halten brauchen wir genug basisch wirkende Stoffe um die Säuren zu neutralisieren. Über die Lungen (Atemluft), Nieren (Urin) sowie über die Haut (Schweiß) schleußen die Säuren aus unserem Körper. Jede Körperzelle funktioniert am besten innerhalb eines bestimmten Flüssigkeitsmilieus, wie es zusammengesetzt ist, ist je nach Art und Aufgabe der Zelle unterschiedlich. Der pH-Wert ist dabei der Indikator und gibt an ob diese Flüssigkeit neutral, sauer oder basisch ist.

Im Gegenteil zum Blut, darf der Wert in anderen Zellen und Organen schwanken. Eine chronische Übersäuerung führt sehr selten zu einer Verschiebung des pH-Werts im Blut. Dennoch wird kaum ein anderer Messwert im Körper so konstant gehalten. Der Normalwert liegt zwischen einem Bereich von 7,35–7,45 und ist damit leicht basisch. Natürlich kann der Körper bis zu einem gewissen Grad die Säuren neutralisieren. Stehen allerdings nicht genug Basen dafür zur Verfügung oder sind diese Systeme überlastet, muss unser Körper die Säuren anderweitig loswerden, vorwiegend werden sie dann im Bindegewebe abgelagert. 

Der pH-Wert ist das Maß für den sauren oder basischen Zustand jeder wässrigen Lösung. Der Wert 7 bedeutet neutral.
Der pH-Wert ist das Maß für den sauren oder basischen Zustand jeder wässrigen Lösung. Der Wert 7 bedeutet neutral.

Wie bemerke ich eine Übersäuerung? 

Anfangs kann sich eine Übersäuerung durch folgende Symptome bemerkbar machen. Da diese Symptome aber meist einzeln auftreten und nicht sehr spezifisch sind, dauert es meist lange bis man an eine chronische Übersäuerung denkt:

  • Muskelschmerzen und -krämpfe
  • allgemeines Unwohlsein
  • anhaltende Müdigkeit
  • Infektanfälligkeit
  • Kopfschmerzen
  • Sodbrennen
  • brüchige Nägel
  • vermehrte Schuppenbildung
  • Haarausfall
  • Mundgeruch
  • unreine Haut
  • Cellulitis

Kommt es zu einer andauernden Übersäuerung kann es für den Körper sehr gefährlich sein. Im Rahmen einer durchschnittlichen Ernährung wird der Organismus täglich mit einem Säureüberschuss von 50–100 mmol belastet. Hauptursache ist ein hoher Verzehr von säurebildenden Nahrungsmitteln und Getränken sowie eine verminderte Säureausscheidungskapazität. Diäten und Fastenkuren können die Übersäuerung zusätzlich fördern, da unter Fastenbedingungen vermehrt auf Energiegewinnung aus Fettsäuren umgeschaltet wird, die mit einer vermehrten Bildung und Ausscheidung von Säureäquivalenten einhergeht. Die Ernährung ist jedoch nicht die einzige ausschlaggebende Ursache: Mangelnde körperliche Aktivität, eine geringe Flüssigkeitszufuhr, Stress, Rauchen und manche Medikamente (z.B. Acetylsalicylsäure wie in Aspirin) fördern die Übersäuerung.

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Ist der Säure-Basen-Haushalt im Körper nicht in Balance können sogar die Knochen darunter leiden.
Ist der Säure-Basen-Haushalt im Körper nicht in Balance können sogar die Knochen darunter leiden.

Schwere Folgen für die Knochen

Bei einem andauernden Säureüberschuss versucht der Körper die Säuren anderweitigen loszuwerden und versteckt sie im Bindegewebe. Das beeinträchtigt die Elastizität in Sehnen, Bändern und sogar unseren Muskeln. Eine derartige Auswirkung kann schwere Folgen haben, die Gelenke werden überbelastet und die Knochendichte sinkt. Ist dies erstmal der Fall kann nur mehr der Fortschritt der Erkrankung gebremst werden, die Knochendichte wieder herzustellen ist bis heute nicht möglich. Betrachtet man Länder in denen viel Obst und Gemüse sowie wenig Fleisch verzehrt wird, zeigt sich eine viel höhere Knochenfestigkeit im Alter.

Ein Überschuss an Säure kann langfristig auch die Festigkeit der Knochen beeinflussen. Daher sollte man zur frühzeitigen Stärkung der Knochengesundheit von Beginn an auf eine ausgewogene Ernährung mit viel basisch wirksamen Obst und Gemüse achten – dies stärkt frühzeitig die Knochengesundheit. Derzeit werden diese Risikofaktoren, von einer zu hohen Zufuhr von tierischen und pflanzlichen Proteinen und der Verzehr von Gemüse und Obst wissenschaftlich evaluiert. Der Zusammenhang und die Wirkung eines verschobenen Säure-Basen-Haushalt durch oben genannte Risikofaktoren konnte aber schon bestätigt werden. Berücksichtigt wurden dabei beobachtende und experimentelle Studien zur Inzidenz osteoporotischer Frakturen, zur Knochendichte sowie zu Knochenstoffwechselmarkern.1

Also was ess' ich jetzt?

Diese Regulierungssysteme des Körpers mögen komplex sein, aber einen gesunden und ausgeglichenen Säure-Basen-Haushalt zu bewerkstelligen ist keine Hexerei. Viele Ernährungsberater empfehlen als Richtwert 70 bis 80 Prozent basische Lebensmittel und 20 bis 30 Prozent säurebildende Lebensmittel am Tag. Wissenschaftlich kann das aber noch nicht bestätigt werden. Hier die Kurzfassung: Zu den basenbildend genannten Lebensmitteln gehören zum Beispiel Kartoffeln, Gemüse, Blattsalate, Obst und Trockenfrüchte. Zu den säurebildend genannten Lebensmitteln zählen Eiweißlieferanten wie Fleisch, Wurst, Fisch, Käse, Eier. Dieses Beispiel verdeutlicht wie der Säure-Basen-Haushalt von tierischem Fett beeinflusst wird. 200 g Rindfleisch liefern eine Säuremenge, für deren Ausgleich 400 g Karfiol oder 1,6 kg frische Erbsen notwendig sind. Übrigens ist die Zitrone gar nicht sauer sondern hat einen basischen PH-Wert!

 

Wer es ganz genau wissen will, der kann mit folgender Formel jeden PRAL-Wert nahezu exakt ausrechnen3:

PRAL/[mÄq] = 0.49 × Protein/[g] + 0,037 × Phosphor/[mg] − 0,021 × Kalium/[mg] − 0,026 × Magnesium/[mg] − 0,013 × Calcium/[mg]

 


Quellen:

  • Hamidi A., et al., Osteoporosis International volume 22, pages 1681–1693, 2011
  • Vormann, J., Säure-Basen-Balance: Der Kompass für mehr Vitalität und Wohlbefinden. Gräfe und Unzer, 2018
  • Remer T., et al., The American Journal of Clinical Nutrition. 77, 2003, S. 1255