20.10.2020

Was spricht für, was gegen das Impfen?

Text: Ursula Mitteregger & Verena Radlinger

Schon seit jeher gibt es viele Befürworter, aber auch Gegner von Impfungen. Wir haben im Folgenden die wichtigsten Fakten, die für, aber auch gegen eine Impfung sprechen können, zusammengetragen und hinterfragt.

Bedeutende Vorteile von Impfungen 

Das Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz bekräftigt auf seiner Website, dass Schutzimpfungen „heute zur wirksamsten Prophylaxe (= Schutz, Vorbeugung) gegen Infektionskrankheiten“ gehören. Aber nicht nur das Österreichische Gesundheitsministerium ist dieser Ansicht. Auch auf zahlreichen weiteren Websites öffentlicher Stellen und renommierter Institute bekommen Interessierte diese Information, zum Beispiel auf der Website des Robert-Koch-Instituts, dem Öffentlichen Gesundheitsportal Österreichs oder der Website der Europäischen Kommission. Das Institut für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien kommt sogar zu dem Schluss, dass Impfungen – neben sauberem Wasser – zu den Errungenschaften gehören, die den größten Effekt auf den Rückgang der weltweiten Sterblichkeit und die Verbesserung der Lebensqualität erzielt haben.

Inwiefern können Impfungen Infektionskrankheiten vorbeugen? Hier die wichtigsten Fakten, die für eine Impfung sprechen:

1. Impfungen machen immun

Impfungen machen in der Regel immun gegen Krankheiten, die sich hochgradig gesundheitsgefährdend auswirken können, beispielsweise Masern, Mumps und Röteln, aber auch die Grippe. Das bedeutet, dass der Geimpfte unempfindlich gegenüber bestimmten Krankheitserregern ist. Sein Körper hat durch die Impfung bereits Antikörper gebildet, die beim Eindringen von Krankheitserregern schnell aktiv werden können. Genauer sind es sogenannte Gedächtniszellen, die sich daran erinnern, schon einmal (nämlich durch die Impfung) mit einem Erreger in Berührung gekommen zu sein. Das hat den Körper dazu veranlasst, Antikörper zu bilden, die ihn bei einem tatsächlichen Angriff der entsprechenden Krankheitserreger schnell reagieren lassen und diese wirkungsvoll abwehren.

2. Impfen schützt nicht nur die Geimpften selbst, sondern auch andere in der Gesellschaft

Indem Sie sich selbst impfen lassen, sind Sie folglich auch selbst am besten vor der jeweiligen Krankheit geschützt. Aber, und das vergessen viele, Sie schützen damit auch die Menschen, mit denen Sie direkt in Kontakt stehen. Können Sie sich nämlich selbst nicht mehr mit gewissen Krankheitserregern infizieren, dann sind auch die Menschen um sie herum keinem Risiko ausgesetzt, den Erreger durch Sie zu bekommen. Es gibt aber auch Personengruppen, wie Babys, deren Immunsystem noch nicht ausgeprägt ist, oder Menschen mit einem zu schwachen Immunsystem, die bestimmte Impfungen nicht erhalten können. Auch sie können Sie dadurch schützen, indem Sie sich impfen lassen. So können Sie aktiv dazu beitragen, dass sich Krankheiten schlecht bis gar nicht mehr ausbreiten können: ein Phänomen, das Herdenimmunität genannt wird. Bei Masern zum Beispiel kann die Ausbreitung gestoppt werden, wenn 95 Prozent der Bevölkerung geschützt sind.

3. Sind Sie geimpft, sind Sie auch gegen andere gesundheitsgefährdende Ereignisse besser geschützt

Dieser Effekt zeigte sich vor allem bei jenen, die die Pneumokokken-Impfung oder die jährliche Grippeschutzimpfung in Anspruch genommen haben. Denn danach sei das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, für mehrere Tage signifikant erhöht. Das Schlaganfallrisiko sei sogar noch wochenlang höher als sonst. „Je älter die Erkrankten sind, desto deutlicher ist dieser Zusammenhang, wie zwei aktuelle Studien dazu aus Kanada und Schottland gezeigt haben“, erklärt Dr. Christina Forstner, Spezialistin für Infektionserkrankungen vom Universitätsklinikum Jena. Die Problematik ist, dass Infektionen oft eine schlechtere Sauerstoffversorgung des Körpers und aktivierte Blutgerinnung bedeuten können. Bei bereits bestehenden Gefäßverengungen kann dies zu Herzinfarkt oder Schlaganfall führen. Wird jedoch eine Infektion mit Influenza- oder Pneumokokken-Viren durch eine Impfung verhindert oder verläuft dadurch weniger stark, kann sich auch das Risiko für Gefäßverschlüsse mitunter deutlich reduzieren.

4. Jährliche Grippeimpfung schützt am besten

Bereits 2018 haben spanische Forscher in einer Studie nachgewiesen, dass regelmäßiges Impfen den Krankheitsverlauf der Influenza bei älteren Menschen deutlich abmildern kann. Eine einzige Impfung hatte diesen Schutzeffekt nicht. Es zeigte sich, dass sich das Risiko einer schweren Grippe bei Menschen, die zusätzlich zum aktuellen Influenza-Stamm auch schon in den drei vorangegangenen Jahren geimpft waren, um 55 Prozent im Vergleich zu gar nicht Geimpften verringerte.

Impfungen schützen daher in der Regel sehr gut gegen schwerwiegende Infektionskrankheiten. Das dürfte auch bei der Mehrheit der österreichischen Bevölkerung mittlerweile angekommen sein, denn im Rahmen einer repräsentativen Umfrage des „Linzer Market Instituts“, die im Auftrag der Ärztekammer Steiermark Anfang Februar 2019 durchgeführt wurde, bezeichneten sich immerhin 79 Prozent der 1.005 Befragten als Impfbefürworter und nur 13 Prozent als Impfgegner. Acht Prozent machten dazu keine Angabe.

Gibt es auch Fakten, die gegen das Impfen sprechen?

Für viele ist es nicht vorstellbar, sich ohne großes Zögern eine Spritze mit einem unbekannten Wirkstoff injizieren zu lassen – vor allem doch keine Erreger einer Viruskrankheit. Wer kann mir sagen, warum ich mich impfen soll, wogegen und wann?

In der Regel sind Impfungen eine wirksame, sichere und kostengünstige Methode, um Infektionskrankheiten zu bekämpfen oder im besten Fall auszurotten. Aber wie so oft in der Medizin kann keine 100-prozentige Garantie gegeben werden. Jeder Mensch reagiert anders, jedes Immunsystem braucht etwas anderes und jede Impfstoffart wirkt unterschiedlich. Außerdem sind persönliche Faktoren wie Alter, Geschlecht und bestehende Grunderkrankungen ausschlaggebend für die Impfreaktion. Die höchste Wahrscheinlichkeit, dass die Impfung umfassend wirkt, kann nur durch die Anwendung der einzelnen Impfungen entsprechend dem empfohlenen Impfschema erreicht werden. Eine volle Wirksamkeit der Impfung ist erst nach Abschluss der Grundimmunisierung gegeben, die bei allen Impfstoffen unterschiedlich ist.

Welche Prinzipien eine Impfung erfüllen muss, welche Impfarten es gibt und wie das mit der Zulassung genau ist, erfahren Sie übrigens in unserer Printausgabe.

Impfen: Nicht nur für Kinder, auch für Erwachsene

Bei Impfungen denken wir oft an Impfungen für Kinder, höchstens bei Reisen in ein fernes Land kommen wir auf die Idee, auch als Erwachsene an unseren Impfstatus zu denken. Die Ständige Impfkommission (STIKO) vom Robert-Koch-Institut empfiehlt im Erwachsenenalter neben den Standard-Impfungen auch regelmäßige Auffrisch-Impfungen. Im Gegensatz zu den Lebend-Impfstoffen gegen Masern, Mumps, Röteln und Windpocken, die ein Leben lang halten, müssen einige Impfungen regelmäßig erneuert werden.

Manche Experten behaupten, dass die Impfintervalle viel zu kurz angegeben sind und sich Hersteller und Politik nur absichern wollen. In der Zulassung einer Impfung ist angegeben, wie lange die Immunisierung hält. Verpasst man diesen Zeitraum, ist der Schutz gegen die entsprechenden Erreger beziehungsweise die Krankheit lückenhaft, noch nicht vollständig oder gar nicht mehr gegeben. Ganz so einfach sind diese Regelungen aber nicht. Nehmen wir an, ich möchte mich genauestens an diese Zeitintervalle halten, fehlt mir tendenziell die Information: wann, wo, wie?

Wo Sie sich zum Thema Impfen am besten informieren

Mittlerweile wird in den Medien, in der Politik und auch am Esstisch über das Thema „Impfpflicht“ diskutiert. Prinzipiell ist Impfen in Österreich eine freiwillige Entscheidung, die jeder für sich selbst oder für sogenannte Schutzbefohlene (Kinder, Erziehungsbeauftragte, …) treffen muss. Die Entscheidung ist für viele nicht leicht, da es an Informationen fehlt. Doch wo soll man sich diese beschaffen? In unserer Gesellschaft ist es normal geworden, Fragen einfach in Google einzutippen. Die Suchmaschine spuckt aber nicht die sichersten oder geprüften Websites aus, sondern die meistgeklickten. Das sind nicht immer die besten und können noch weiter verwirren und verunsichern. Wann ein Recherchieren von Krankheiten Sinn macht und welchen Webseiten Sie vertrauen können, das haben wir in unserem Artikel „Dr. Google, was hab’ ich denn“ genauer betrachtet. 

Was viele nicht wissen – in Österreich gibt es eine Aufklärungspflicht durch Ärzte. Diese ist zwar nur beim Impfen selbst Pflicht, aber einfordern kann man sie selbstverständlich.

Die Aufklärung sollte unbedingt beinhalten: 

  • Informationen über die zu verhütende Krankheit

  • allfällige Behandlungsmöglichkeiten der Infektionskrankheit

  • Nutzen der Schutzimpfung für den Einzelnen und die Allgemeinheit sowie

  • Informationen über den Impfstoff und 

  • mögliche Nebenwirkungen und/oder Komplikationen.

Buchempfehlungen

Impfen: Wann. Wogegen. Warum. (MedUni-Ratgeber)

Die Autorin Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der Medizinischen Universität Wien, vermittelt Kenntnisse und Wissen über Impfungen auf wissenschaftlicher Basis. Zugleich räumt der Ratgeber auch mit „Impf-Mythen“ auf und erklärt, wie das menschliche Immunsystem und Impfungen wirklich funktionieren.

Immun: Über das Impfen – von Zweifel, Angst und Verantwortung

Eula Biss geht dem Phänomen der Impfparanoia auf den Grund. Indem sich die junge Mutter in die Position der Impfgegner einfühlt, lässt sie uns verstehen, wie deren Irrglaube an eine umfassende natürliche Immunität des Körpers so stark werden konnte. Dabei tastet sich Eula Biss vorsichtig voran.

Klartext: Impfen! – Ein Aufklärungsbuch zum Schutz unserer Gesundheit

Mit „Klartext: Impfen!“ bringen der Kinderarzt Dr. Thomas Schmitz von der Berliner Charité und der Journalist und Biologe Sven Siebert die hitzige Diskussion zurück auf eine sachliche Ebene. Sie bewerten die derzeit empfohlenen Impfungen, beschreiben die Krankheiten, gegen die heute geimpft werden kann, erklären, wie Impfen funktioniert und wieso manche Fehlinformationen nicht aus der Welt zu schaffen sind.

Impfen kurz & praktisch: Orientierungshilfe für Eltern bei der Impfentscheidung

Auf der Grundlage jahrelanger Erfahrung diskutiert Dr. Hirte in seinem Buch „Impfen kurz & praktisch: Orientierungshilfe für Eltern bei der Impfentscheidung“ die in Deutschland, Österreich und der Schweiz empfohlenen Impfungen für das Kindesalter sowie deren Nutzen und Risiken. Auf dem aktuellsten Stand medizinischer Forschung. 

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